16. August 2017 – 14:28
Was nun? Das sollten Touristiker zur Airberlin-Pleite wissen
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Abbildung: Wikipedia/G ambrus

Nach dem Insolvenzantrag der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft und einem Kredit des Bundes über 150 Millionen Euro ist der Flugbetrieb voraussichtlich für etwa drei Monate gesichert. Allerdings hat Konkurrent Ryanair gegen eine mögliche Übernahme von Airberlin-Anteilen durch Lufthansa und gegen den Hilfskredit beim deutschen Bundeskartellamt sowie bei der EU-Wettbewerbskommission Beschwerde eingelegt. Es handele sich um einen "offensichtlichen Komplott zwischen der deutschen Regierung, Lufthansa und Airberlin", argumentiert die irische Fluggesellschaft. Dabei würden "die Airberlin-Anteile unter Ausschluss der größten Wettbewerber zerstückelt und sowohl die Wettbewerbsregeln der EU als auch die Bestimmungen zu staatlichen Beihilfen ignoriert". Zwar hat die Bundesregierung bereits erklärt, eine Übernahme von Airberlin insgesamt durch eine einzige Airline komme nicht in Betracht. Zudem rechtfertigte sie die Kreditvergabe mit der Hauptreisezeit und dem Ansinnen, möglichst viele Arbeitsplätze zu retten. Sollten aber die EU-Behörden der Argumentation von Ryanair im Hinblick auf den Kredit folgen, sähe es für den Weiterbetrieb der Flotte schlecht aus.

Was passiert mit gekauften und bereits bezahlten Tickets?
So lange der Flugbetrieb weiter läuft, ändert sich nichts. Bereits gebuchte und bezahlte Flüge zu stornieren, lohnt sich nach Auffassung von Rechtsexperten nicht. Laut Reiserechtler Ernst Führich haben Kunden zwar rechtlich Anspruch auf einen Rücktritt vom Vertrag mit Rückerstattung des vollen Ticketpreises. Praktisch sei man dann aber ein Gläubiger des nunmehr insolventen Vertragspartners wie andere normale Forderungsinhaber auch. Kunden müssten damit rechnen, als nicht "bevorrechtigter" Gläubiger gar kein Geld oder nur eine geringe Quote zurück zu bekommen.

Wie ist die Situation bei Buchungen über Veranstalter?
In diesem Fall sind Reisende abgesichert. Vertragspartner ist nicht die insolvente Airline, sondern der Reiseveranstalter. Dieser muss sich um einen Ersatzflug kümmern, falls der Flug als Teil der Pauschalreise ausfällt. Viele Veranstalter stellen auch für Nur-Flug-Buchungen Sicherungsscheine aus. Auch in diesen Fällen ist das Geld der Kunden abgesichert.

Gelten Entschädigungsansprüche nach der EU-Fluggastrechte-Verordnung weiter?
Nur in der Theorie. Wenn der Flugbetrieb fortgeführt wird, kann jeder Passagier weiterhin seine Fluggastrechte wie Betreuung, Umbuchung, Rücktritt und Ausgleichszahlungen bei Verspätungen ab drei Stunden oder bei Annullierungen des Fluges geltend machen. Geldansprüche gelten laut Führich allerdings lediglich als normale Forderungen gegenüber dem Insolvenzverwalter. Dass es zu einer Auszahlung kommt, ist unwahrscheinlich.

Was passiert mit Bonusmeilen und Gutscheinen?
Airberlin-Kunden sollten ihre gesammelte Bonusmeilen nach Meinung des Reiserechtlers Paul Degott möglichst bald einlösen. Es sei zwar denkbar, dass ein anderes Unternehmen bei der Übernahme von Airberlin auch das Kundenbindungsprogramm übernehme. Dafür gebe es aber keine Garantie. Erschwerend kommt in diesem Fall hinzu, dass Airberlin das Kundenbindungsprogramm "Topbonus" 2012 als eigenes Unternehmen ausgegliedert und 70 Prozent davon an den Gesellschafter Etihad Airways verkauft hat.
Gutscheine dürfen Unternehmen die sich in Insolvenz befinden, nicht mehr einlösen. Darauf macht der Reiserechtler Ronald Schmid aufmerksam. Kunden hätten dafür zwar im Prinzip einen Ersatzanspruch, diesen müssten Sie aber ebenfalls im Konkursverfahren anmelden.

Was wird aus Niki?
Das österreichische Tochterunternehmen, das die touristischen Verbindungen von Airberlin übernommen hat, ist formal nicht von der Insolvenz betroffen. Allerdings ist die Zukunft unklar. Eigentlich wollte Etihad Airways Niki von Airberlin übernehmen und überwies dafür bereits 300 Millionen Euro nach Berlin. Jedoch ist der Deal von den Behörden bislang nicht genehmigt und damit nicht rechtskräftig. Ob und wenn ja welches Interesse Etihad weiterhin an Niki hat, ist unsicher.

Ist es jetzt noch ratsam, Airberlin-Flüge zu buchen?
Bei kurzfristigen Buchungen halten Experten das Risiko, Geld zu verlieren, für überschaubar. Doch gebe es keine Sicherheit, dass tatsächlich alle Verbindungen aufrecht erhalten oder von einem Nachfolge-Carrier übernommen würden. Bei längerfristigen Buchungen gegen Vorkasse wird hingegen zur Vorsicht geraten. Wenn dennoch gebucht werden soll, dann sind Reisebüros und Kunden bei Veranstalterbuchungen im Rahmen von Pauschalreisen am besten abgesichert.

Christian Schmicke