26. Oktober 2017 – 13:01
Städteziel Nantes: Ein ganz besonderer Maschinenpark
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Foto: Jean Dominique Billaud

1987 war es aus. Die großen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebauten Werfthallen aus Stahl  und Beton lagen brach. Der Schiffbau, lange Zeit der wichtigste Industriezweig von Nantes, war endgültig weitergezogen in das 50 Kilometer weiter westlich gelegene St.  Nazaire, wo  deutlich größere Schiffe gebaut werden konnten.

So stand die Stadt an den Ufern der Loire vor einer Herausforderung, mit der sich viele traditionelle Industriemetropolen konfrontiert sehen: den Wegfall ihres wichtigsten Wirtschaftsfaktor zu kompensieren. Auf der von der Loire umspülten Insel, der Ile de Nantes, entschieden sich die Stadtväter für einen außergewöhnlichen Weg, der dem Areal eine touristische Zukunft  bescheren und gleichzeitig die Vergangenheit der Insel als Seefahrts- und Werftstandort einbeziehen sollte. So eroberten  die Machines de l’île, die Maschinen der Insel, das 337 Hektar große Terrain.

Jules Verne lässt grüßen. Das 2007 gestartete Projekt wurde zu einer abenteuerlichen Mischung aus offenem Freizeitpark, künstlerischer Spielerei und technischem Erfindergeist. Bislang besteht es aus drei Attraktionen: einem zwölf Meter hohen, 40 Tonnen schweren, beweglichen Elefanten, einem Karussell der besonderen Art und der "Galerie“, einem lichtdurchfluteten Ausstellungsgelände im Inneren einer ehemaligen Werfhalle. Das Gesamtensemble entführt den Besucher in eine Welt, die mit der Phantasie eines der berühmtesten Söhne der Stadt, Jules Verne, ebenso spielt wie mit den genialen entwürfen eines Leonardo da Vinci. Hinzu kommen atmosphärische Elemente, die der schrottigen Zukunftswelt der schwarzen Kult-Komödie "Brazil“ entsprungen sein könnten.

In dem dreigeschossigen Karussell drehen mit allerlei mechanischen Spielereien versehene Tiere der Unterwasserwelt, ein U-Boot und andere Meeresgespanne ihre Runden. Die Besucher werden zum Teil der Attraktion, indem sie sich in oder auf die Geräte schwingen und ihre Flossen, Flügel oder segel mit Hilfe von Händen und Füßen bewegen.

Auf dem von außen hölzernen mechanischen Elefanten haben bis zu 50 Besucher Platz, wenn er stampfend und aus dem Rüssel sprühnebelartig Wasser speiend seine Runden auf dem Gelände dreht. Und in der Maschinengalerie präsentieren sich skurrile mechanische Ungetüme, wie ein acht Meter langer Reiher und eine Riesenspinne.

Zur Philosophie des Projekts gehört, dass es nie fertig ist. Und so steht der größte und ambitionierteste Teil noch bevor. Der Arbre aux Hérons, der Reiherbaum, soll als Stahlgebilde von 50 Metern Durchmesser und 35 Metern Höhe mit zwei Reihern in der Spitze ein begehbares Bauwerk werden, in dem die Besucher von Ast zu Ast durch hängende Gärten spazieren und eine Runde unter den Schwingen der Vögel fliegen können. Im Frühling 2022 soll der Reiherbaum, von dem bereits ein kleinerer Prototyp vor der Galerie existiert, für Besucher eröffnet werden.

Facettenreiche Altstadt. Die skurrile Mischung aus Kunst, Technik und Vergnügungspark im Herzen der Stadt ist mittlerweile zur beliebtesten Touristenattraktion von Nantes avanciert. Aber einen Besuch ist die Stadt mit ihren knapp 300.000 Einwohnern nicht nur deshalb wert. Denn die Stadt, die bis ins 16. Jahrhundert Hauptstadt der Bretagne war, hat architektonisch und kulturell einiges zu bieten. Da wäre zum Beispiel die Kathedrale mit dem  weißen, aus Marmor geschlagene Renaissance-Grabmal der letzten Herzöge der Bretagne. Oder das mittelalterlichen Viertel mit der Taufkirche von Jules Verne und dem Schloss der bretonischen Herrscher.

Inmitten der Altstadt lockt die Passage Pommeraye, eine lichtdurchflutete Einkaufspassage aus dem 19. Jahrhundert, die sich mit ihrem hölzernen Böden, schmiedeeisernen Geländern und exklusiven Geschäften,  ebenso wie die schicke Rue Crébillon mit ihren Boutiquen, wohltuend von der Monotonie heutiger Einkaufszentren abhebt.

Gegenüber dem Théâtre Graslin, dessen klassizistischer bau aus dem 18. Jahrhundert das Opernhaus von Nantes beherbergt, findet sich mit der Brasserie La Cigale ein Musterbeispiel alter französischer Ar-déco-Pracht. Hier trifft man sich morgens zu Café crème und Croissants, am Abend zum gediegenen Essen oder einfach zwischendurch zum Kaffee oder Wein.

Bedrückendes Mahnmal. Unten am Fluss wurde 2012 ein Mahnmal gegen die Sklaverei eröffnet, in der Nantes eine ebenso wichtige wie schreckliche Rolle spielte. Mehr als 40 Prozent des französischen Skavenhandels wurden hier abgewickelt – rund 450.000 Männer, Frauen und Kinder wurden von Afrika nach Amerika verschleppt. Die Installation schneidet als schräge Wand aus mattem Glas durch die Uferpromenade. 1.710 im Pflaster eingelassene Platten erinnern an die Namen der Sklavenschiffe. Im Stockwerk darunter führt ein Holzsteg an den transparenten Schrägen vorbei. Neben dem Wort Freiheit in 40 Sprachen, zeugen Gedichte, Dokumente und Fragmente vom mehr als 200-jährigen Kampf gegen Sklaverei und Unterdrückung.

Zurück ins Jetzt: Im Juli und August findet das Kunstfestival „Le Voyage à Nantes“, die Reise nach Nantes, statt, bei der entlang einer durch einen grünen Streifen im Asphalt gekennzeichneten Strecke Skulpturen aufgestellt werden. Die Organisatoren der Ausstellung versuchen in jedem Jahr, mindestens eines der Exponate dauerhaft in der Stadt zu behalten.

Nantes hat die Herausforderungen des Strukturwandels bewältigt. Die Airbus-Werke hier und in Saint-Nazaire an der Küste tragen ebenso zur einer neuen wirtschaftlichen Blüte bei wie die Lebensmittel- und Metallverarbeitung und die Universität mit mehr als 50.000 Studenten. Und der skurril-kreative Maschinenpark auf der ehemaligen Industriebrache der Insel ist Teil eines Imagewandels, der die frühere Sklavenhändler-, Seefahrer- und Schiffsbauerstadt heute zum Tummelplatz vieler Kreativer macht.

Christian Schmicke