30. August 2017 – 20:34
Kommentar: Ryanair-Chef Michael O'Leary – das Marketing-Monster
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Christian Schmicke – Foto: Privat

von Christian Schmicke

Das muss man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der Mann beruft eigens in Berlin eine Pressekonferenz ein, um anzukündigen, dass er etwas nicht tun wird. Ryanair wird nicht für Airberlin bieten. Das ist alles. Dafür hätte es eine kurze Pressemitteilung auch getan, oder ein kurzes Statement auf Nachfrage. Wenn überhaupt. Eigentlich, denn das machen viele andere so, aber nicht er. Denn Ryanair-Chef Michael O’Leary verfolgt mit seiner Nicht-Ankündigung ein einziges klares Ziel. Und das heißt: Maximale Aufmerksamkeit.

Und so holte er am Mittwochnachmittag in Berlin zum großen Rundumschlag aus. Das Verfahren um die Übernahme der insolventen Airberlin sei ein "abgekartetes Spiel", wiederholte er zum xten Male. Ebenso wie seine Vorwürfe, dass die Lufthansa bevorzugt werde und dass durch ein "offensichtliches Komplott" von Regierung, Lufthansa und Airberlin gegen die Wettbewerbsregeln in Deutschland und der EU verstoßen werde. Deshalb habe Ryanair am Mittwoch das Bundeskartellamt und die EU-Wettbewerbsbehörde aufgefordert, diese "künstlich erzeugte Insolvenz" zu untersuchen. Denn auch der Zeitpunkt der Insolvenz sei für ihn fragwürdig, erklärte der Ryanair-Chef: Im August habe jede Fluggesellschaft ausreichend Geld – deshalb gehe er davon aus, dass vor der Bundestagswahl im September "maximaler Druck" auf die Politik ausgeübt werden sollte, um Bilder von gestrandeten Urlaubern zu vermeiden.

Er selbst habe weder Kontakt zu Airberlin noch zu deren Sachwalter Lucas Flöther gehabt. Er sei auch nicht um ein Angebot gebeten worden. Gäbe es ein transparentes Verfahren, hätte Ryanair auch mitgeboten, sagt er. Und last but ot least: Bei Ryanair wäre die Situation der Beschäftigten besser als bei Lufthansa.

An vielen von O’Learys Vorwürfen könnte durchaus ein Körnchen Wahrheit sein. Aber das spielt keine große Rolle. Mit seinem Auftritt in Berlin verfolgte er genau jene Strategie, mit der er Ryanair groß machte und dabei riesige Summen an Werbegeldern einsparte – und dies zu einem nicht geringen Anteil übrigens bei genau den Verlagen, die ständig über seine Eskapaden berichten. Wahlweise mit Provokation, Sticheleien, Konkurrenten-Bashing oder spinnerten Ideen verschaffte sich der irische Bauernsohn mediale Aufmerksamkeit. Jedes Interview, jede Mitteilung, jeder Affront  macht seit Jahren sofort die Runde, weil Journalisten etwas zu schrieben brauchen und weil sie sich bei Michael O’Leary darauf verlassen können, dass er einen markigen Spruch loslässt. Auch wenn ihn, frei nach Konrad Adenauer, sein dummes Geschwätz von gestern ein paar Tage später oft nicht mehr interessiert.

Was lernen wir daraus? Erstens, dass ein Image nicht unbedingt gut sein muss, um zu funktionieren. Hauptsache, man hat eins. Es genügt, wenn in jedem Zeitungsartikel das Thema "billige“ oder gar "kostenlose“ Flugtickets ausreichend oft vorkommt. Ob man O’Leary sympathisch oder den Umgang seiner Airline mit ihren Mitarbeitern in Ordnung findet, ist dann ziemlich wurscht. Das zeigen Ryanairs Passagier- und Wachstumszahlen.

Und zweitens, dass es fast unmöglich ist, dem Marketingmonster O’Leary zu entkommen. Das zeigt, ironischerweise und zum Leidwesen des Verfassers, nicht zuletzt dieser Artikel.