17. November 2017 – 10:50
Disneyland Paris: Zwischen Rock and Roll und Jingle Bells
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Main Street mit Weihnachtsdeko und Disney-Schloss – Foto: Disney

Es ist ein kalter, verregneter Novembertag, doch auf der Main Street drängen sich die Menschenmassen. Rechts und links säumen zweistöckige Häuschen mit Geschäften und Restaurants die Straße, geradeaus, an ihrem Ende, erscheint die verschnörkelte Silhouette eines rosafarbenen Märchenschlosses. Aus den Lautsprechern ertönt Weihnachtsmusik. Tags zuvor wurde umdekoriert  und die Halloween-Deko der vergangenen Wochen wich einer üppigen Weihnachts-Deko, die nun für acht lange Wochen das Straßenbild prägt.

Die Main Street, idealisierte Kulisse einer amerikanischen Kleinstadt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, befindet sich mitten in Europa, genauer gesagt im Disneyland Paris. Dem Vernehmen nach spiegelt sie wider, wie Walt Disney seinen Heimatort Marceline im US-Bundesstaat Missouri in Erinnerung hatte. Der Besucher könnte hier in eine amerikanische Nostalgie-Filmkulisse eintauchen, wäre das nicht die pausenlose Weihnachtsmusik-Berieselung und die albernen Micky-Maus-Ohren auf den Frisuren vieler, beileibe nicht nur kindlicher Parkbesucher.

Kein Park wie jeder andere. Schon auf der Fahrt hierhin mit dem TGV vom Flughafen Paris-Charles-de Gaulle wurde deutlich, dass dies nicht irgendein Vergnügungspark ist. Scharen mit ebendiesen Ohren ausgestatteter britischer junger Frauen mit deutlichem Hang zu Rosatönen fieberten der letzten Etappe auf der Reise zu ihrem Sehnsuchtsort entgegen. Auch auf der Main Street ist der Besuchermix ziemlich international. Neben Französisch und Englisch sind spanische, deutsche, aber auch nordische und osteuropäische Wortfetzen zu hören. Der Einzugsbereich von Disneyland Paris ist groß.

Die Zahlungsbereitschaft der Disneyfans ist es offenbar ebenfalls. Für ein Wochenende in der Zwei-Sterne-Unterkunft inklusive Zwei-Tages-Ticket für die beiden Parks sind bei zwei Erwachsenen und einem Kind rund 1.200 Euro fällig – ohne Anreise- und Nebenkosten. Wenn es etwas komfortabler sein soll, etwa mit Unterkunft im plüschigen Disneyland Hotel, kann die Rechnung auch schnell um die Hälfte höher ausfallen.

Dem Besucheransturm tut das keinen Abbruch. Allein am besagten verregneten Novembertag verkaufte Disneyland Paris 70.000 Eintrittskarten. Im Jahr 2016 zog es 13,4 Millionen Besucher in den Disneyland Park und die Walt Disney Studios, 2015 waren es 14,8 Millionen. Da kann es an beliebten Ausflugsterminen schon mal ganz schön voll werden, vor den Attraktionen drohen dann bisweilen Wartezeiten von mehr als einer Stunde. Pfiffige Besucher können den so genannten "Fast Pass“ nutzen, um allzu lange Warterei zu vermeiden. Damit zieht man sich sozusagen einen Slot, erscheint zur angegebenen Uhrzeit vor dem Fahrgeschäft und gelangt durch einen separaten Eingang schneller ans Ziel.

Eine Attraktion wird zur Filmvorlage. Die Beliebtheit der Fahrgeschäfte hat durchaus ihre Berechtigung. Den Disney-Entwicklern, im internen Jargon "Imagineers“ genannt, gelingt es, Attraktionen zu schaffen, von denen einige eher Kinder, andere aber auch Erwachsene begeistern können, selbst wenn sie mit der Disney-Welt selbst  nicht viel anfangen können. Ein wichtiger Aspekt sind dabei die liebevoll und detailverliebt gestalteten Fantasiewelten, wie etwa "Pirates oft he Caribbean“. Da schippern Gäste auf einer Art Unterweltfluss zunächst durch die laue Karibiknacht, um anschließend in wilde Seeschlachten und Piratenangriffe zu geraten, bevor sie durch verwüstete, brennende Dörfer in die düsteren Schatzkammern der Piraten gelangen, wo die wilden Gesellen Gold, Silber und Edelsteine angehäuft haben. Das alles ist nicht wirklich täuschend echt, wohl  aber atmosphärisch dicht und durch ideenreiche Special Effects  durchaus unterhaltsam. Übrigens stand in diesem Fall  die Disney-Attraktion Pate für die Kino-Block-Buster "Fluch der Karibik“ –  und nicht umgekehrt.

High-Tech für den Kick. Voll auf komplexe Technologie setzt dagegen „Star Tours“, ein wilder Ritt durch das "Star-Wars-Universum“ mit 3D-Brille in einem waschechten Flugsimulator. Und auch richtige Adrenalin-Junkies  finden ihre Spielwiese, zum Beispiel bei 13 Meter tiefen freien Fall im „Hollywood Tower Hotel“, das bis zu den Anschlägen von Paris noch "Tower of ´Terror“ hieß. Oder im "Rock ‘n Roller Coaster Starring Aerosmith“ der Besucher in unter  drei Sekunden auf fast hundert Stundenkilometer katapultiert und anschließend unter zuckenden Lasern und Lichteffekten durch Nebelschwaden, Loopings, Steilkurven und Schrauben rast, angetrieben von dröhnenden Aerosmith-Klängen.

Dem aufregenden Inferno entstiegen, lullt wieder die allgegenwärtige, seichte Disney-Musik die Besucher ein. Eltern werden ihre liebe Mühe damit haben, den Nachwuchs um die vielen Shops mit Starwars-Artikeln und Disney-Nippes jeglicher Couleur herumzulenken. Bei rund 100 Euro sollen die durchschnittlichen Ausgaben für Tand, Süßigkeiten und Verpflegung am Tag liegen – pro Kopf, versteht sich.

Christian Schmicke