13. Juni 2017 – 14:44
Airberlin-Krise verschärft sich weiter
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Foto: Airberlin

Wenn sich am Mittwoch die Aktionäre von Airberlin zur Hauptversammlung in London treffen, werden sie über die aktuellen Ereignisse rund um das Unternehmen bestens informiert sein. Denn seit Wochen ist ihr Unternehmen in den Schlagzeilen. Allerdings sind die in den seltensten Fälllen positiv. Zu  den jüngsten öffentlich gemachten Anekdoten zählt die des Passagiers, der erst 15 Minuten vor dem Boarding darüber informiert wurde, dass sein Flug von Stuttgart nach Berlin gestrichen sei. Und um das Maß voll zu machen, heißt es in der vom "Focus" verbreiteten Meldung, die Crew sei noch später davon in Kenntnis gesetzt worden als der Fluggast.

Mit solchen Hiobsbotschaften verschlechtert sich die Lage von Airberlin und ihrer österreichischen Schwestergesellschaft Niki täglich. Denn es ist unwahrscheinlich, dass viele Kunden angesichts zahlreicher Flugausfälle und Verspätungen sowie der wirtschaftlich angespannten Lage derzeit zu Neubuchungen bereit sind. Erst recht nicht, wenn sie zu wirtschaftlich tragfähigen Preisen oder gar langfristig erfolgen sollen.

Teure Flugausfälle und Verspätungen. Hinzu kommt, dass Verspätungen und Flugausfälle die Airline teuer zu stehen kommen, zumal immer mehr Passagiere über die Entschädigungsregelungen in solchen Fällen Bescheid wissen und die diversen Portale zur Einforderung von Fluggastrechten die Gunst der Stunde geschickt nutzen, um sich und ihre Services ins rechte Licht zu rücken. Allein das Portal Fairplane gibt an, in diesem Jahr schon 1,85 Millionen Euro für seine Kunden von Airberlin eingestrichen zu haben.

Auch die jüngsten Verkehrszahlen dürften nicht zur Entspannung beitragen. Denn im Mai beförderte Airberlin mit rund 2,2 Millionen Passagieren 18 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Die Auslastung sank um gut einen Prozentpunkt auf 79 Prozent. Ob Airberlin mit staatlicher Unterstützung rechnen kann, wie von Airline-Chef Thomas Winkelmann angefragt, ist zudem mindestens unsicher. Aus dem Bundeswirtschaftsministerium hatte es dazu erst geheißen, Voraussetzung für eine Bürgschaft sei ein tragfähiges Zukunftskonzept des Unternehmens. Nun erklärte eine Sprecherin, die Prüfung der Anfrage werde "einige Wochen bis Monate" dauern. Auch Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries meldete sich zu Wort: "Die Situation von Air Berlin ist prekär, sonst würde so ein Antrag auf Bürgschaft nicht gestellt", sagte die SPD-Politikerin.

Gewerkschaft gegen Geld vom Staat. Aus der Politik waren in Sachen Bürgschaft in den vergangenen Tagen überwiegend ablehnende Stimmen zu vernehmen. Lediglich der Flughafenverband ADV, für den Airberlin ein Großkunde ist, äußerte sich zustimmend. Gegenwind kommt nun auch von der Flugbegleitergewerkschaft Ufo. Deren Tarifvorstand Nicoley Baublies hält "von Staatsbürgschaften in der jetzigen Situation nichts". Es stehe "nach Aussagen aller Beteiligten fest, dass Air Berlin nicht unabhängig bleiben kann und Lufthansa das Unternehmen übernehmen will". Darum solle der Marktführer jetzt "einen offenen Dialog mit dem Unternehmen und der Belegschaft" darüber führen, unter welchen Bedingungen eine Integration möglich sei. Es müsse dafür gesorgt werden, dass die Airberlin-Mitarbeiter "nicht zu irgendwelchen Tochterfirmen in Mallorca, Österreich oder gar Irland abgeschoben werden". Laut Baublies "geschieht das schon oder wurde angedroht." Staatshilfen seien nur denkbar, wenn sie als Vorbedingung jede Art von Tarifflucht ausschließen, um dann "einen reibungslosen Übergang" zu ermöglichen, erklärte Baublies gegenüber der "Rheinischen  Post".

Lufthansa könnte der große Gewinner sein. Recht entspannt kann dagegen der avisierte Partner oder Retter Lufthansa die Entwicklung beobachten. Grundsätzlich will er Airberlin als Schutzschild gegen ein weiteres Vordringen von Billig-Airlines wie Ryanair oder Easyjet gerne erhalten und ist, wie Vorstandschef Carsten Spohr mehrfach bekräftigte, auch an einer Übernahme interessiert. Allerdings nur, wenn deren Gesellschafter Etihad vorher die Schulden in Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro trägt. Unter wettbewerbsrechtlichen Gesichtspunkten seien die Chancen dafür gar nicht schlecht, sagte nach Kartellrechtlers Martin Gramsch der Nachrichtenagentur DPA. Möglich sei etwa eine "Sanierungsfusion". In diesem Fall müsste die Lufthansa belegen, dass Air Berlin sonst von der Insolvenz bedroht wäre und aus dem Markt ausscheiden würde.

Falls aber doch alles daneben geht und Airberlin richtig in die Pleite schlittert, hat sich Lufthansa gegen unmittelbare Folgen abgesichert. Die meisten der 38 Airberlin-Jets, die für die Kranich-Airline fliegen, laufen mittlerweile über eigene Leasing-Verträge. Offenbar sehen auch die Analysten Lufthansa als  potenziellen Gewinner aus der Airberlin-Krise. Jedenfalls stieg der Aktienkurs der Fluggesellschaft seit dem Jahresbeginn um knapp 50, im vergangenen Monat um neun und am Dienstag um immerhin drei Prozent. Neben der Situation des nationalen Rivalen könnte allerdings auch die aktuelle Krise der Airlines in der Golfregion ihren Teil dazu beigetragen haben.

Christian Schmicke