22. August 2017 – 16:56
Airberlin-Drama: Kundenärger, Politikerschelte, Tiraden und Gerüchte
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Foto: Airberlin/Fotografiewiese

"USA hin und zurück 333 Euro“ – damit wirbt Airberlin aktuell auf der Website. Deutschland- und Europa-Strecken werden schon ab 79 Euro für das Return-Ticket verscherbelt. Die Tarife, die ausschließlich online und über das Service-Center buchbar sind, dürften Schnäppchenjäger aufhorchen lassen. Ein kurzer Test auf der Website offenbart: die Tarife gibt es wirklich. Wenn der Flugtermin stimmt, ist ein Flug von Düsseldorf nach San Francisco sogar schon für 331,63 Euro zu haben. Allerdings kann der Preis an stark gefragten Flugtagen auch beim Zehnfachen dieses Betrages liegen.

Erste Veranstalter auf dem Rückzug. In erster Linie offenbaren diese Schleuderangebote die Not, in der sich die insolvente Airline befindet, so lange ihre Zukunft nicht geklärt ist. Denn wer bucht in der aktuellen Situation noch freiwillig Airberlin-Flüge – erst recht solche, die nach der Zeit geplant sind, für die der 150-Millionen-Euro-Kredit der Bundesregierung reichen soll? Die ersten Veranstalter haben auf die unsichere Lage bereits reagiert. Zwar fungieren die meisten bei Nur-Flug-Buchungen als reine Mittler und müssen daher nicht für die Absicherung der Kundengelder geradestehen. Doch erklärt zum Beispiel FTI auf Anfrage: "Wir schließen den Airberlin Nur-Flug-Verkauf und akzeptieren ab 1. November keine derartigen Buchungen mehr“. Bei Alltours dagegen heißt es: "Nur-Flug-Buchungen mit Air Berlin sind weiterhin uneingeschränkt möglich. Wir lassen Nur-Flug-Buchungen für Air-Berlin-Verbindungen sowohl für den Sommer 2017 als auch für den Winter 2017/2018 zu.“ Auch andere Anbieter versuchen, nach außen den Anschein von "Business as usual" zu wahren.

Keine Erstattungen, keine Entschädigungen. Allerdings sehen sich Kunden, die in der Vergangenheit der Zusicherung von Airberlin Glauben schenkten, dass ihnen keine Einschränkungen drohten, heute mit einer anderen Realität konfrontiert. Wie bereits bekannt, ist die Möglichkeit zur Einlösung von Punkten aus dem Kundenbindungsprogramm „Topbonus“ seit dem Beginn der Insolvenz blockiert. Auch erstattet die Airline vor dem 15. August 2017 ausgestellte Tickets seit der Pleite nicht mehr. Selbst den gesetzlichen Anteil an Steuern und Gebühren erhalten Passagiere bei einer Stornierung nicht zurück. Dies sei „insolvenzrechtlich ausgeschlossen“, heißt es von Airberlin. Für Tickets, die ab dem 15. August ausgestellt wurden, sollen dagegen die normalen Tarifkonditionen  gelten.

Angeschmiert sind auch Kunden, die bei der Airline Gutscheine gekauft oder solche als Kompensation für Flugausfälle und Verspätungen akzeptiert haben. Diese sind nun wertlos. Erst nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens können Kunden ihre Forderungen geltend machen. Die Erfolgsaussichten dafür liegen allerdings bei null. Andere Schadenersatzansprüche bedient Airberlin auch nicht mehr. Für sie gilt dieselbe Regelung wie für die Gutscheine. Und für Gepäck, das aktuell beim Flug beschädigt wird oder verschwindet, fühlt sich die Fluggesellschaft laut den Einträgen mehrerer betroffener Kunden auf Social-Media-Plattformen auch nicht mehr zuständig.

Attacke und Gegenangriff. Unterdessen gehen die Verhandlungen über Verkauf und Zerschlagung von Airberlin weiter. Immer lauter wird dabei die Kritik an der Bundesregierung, die nach Auffassung vieler Kommentatoren einseitig eine Lösung zu Gunsten von Lufthansa anstrebe. "Ich bin entsetzt", schreibt etwa der Reiserechtler Ronald Schmid. "Man mag ja – trotz einiger juristischer Bedenken – den Überbrückungskredit der Bundesregierung gerade noch akzeptieren. Dass sich jetzt aber der Staat in die Insolvenzabwicklung der Airberlin massiv einschaltet, also eine Ministerin und ein Staatssekretär des BMWi, ein Konzept eines Mitbewerbers ungeprüft abgelehnt, halte ich für einen Skandal."

Mit dem Konzept des Mitbewerbers ist das Gebot eines Konsortiums um den Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl gemeint, der nach eigener Darstellung eine Komplettübernahme und die Erhaltung von Airberlin anstrebt. Er wolle die Fluggesellschaft weiterbetreiben und “teilweise zu den Wurzeln“ zurückführen, erklärt er gegenüber der "Wirtschaftswoche": "Dann würden wir uns intensiver wieder mit dem innerdeutschen und dem europäischen Kurzstreckenverkehr befassen." Wöhrl, den Airberlin-Chef Thomas Winkelmann öffentlich als "Trittbrettfahrer“ ohne ernsthafte Ambitionen bezeichnet hatte, sieht in der ablehnenden Haltung der Airberlin-Führung und der Bundesregierung gegenüber seiner Offerte einen klaren Regelverstoß. "Was in den letzten Tagen passierte, ist einer marktwirtschaftlich ausgerichteten und demokratischen Nation unwürdig", sagt er. Es dränge sich "der Eindruck auf, dass wir in Deutschland auf dem besten Weg zu einer sozialistischen Planwirtschaft sind, bei der nur noch Großbetriebe erwünscht sind".

Heißer gehandelt als ein möglicher Einstieg Wöhrls wird mittlerweile allerdings ein größeres Engagement von Easyjet. Die "Rheinische Post“ berichtet unter Berufung auf Insider, Easyjet könnte die Hälfte der aktuell rund 70.000 Slots von Airberlin in Düsseldorf erhalten. "Überall dort, wo Air Berlin bisher einziger oder mit Abstand wichtigster Wettbewerber von Eurowings war, würden die Kartellbehörden eine Streckenübertragung auf Eurowings sowieso nicht hinnehmen", heiße es in der Branche. Da biete sich Easyjet als Käufer an.

Für die nicht insolvente Tochter Niki könnte bei einem Treffen des Gläubigerausschusses am Mittwoch bereits ein Vorvertrag über einen Kauf durch Lufthansa unterzeichnet werden, mutmaßt die "Süddeutsche Zeitung". Mit dem Erlös könnte der Überbrückungskredit der Bundesregierung zurückgezahlt werden.

Ryanair-Chef Michael O'Leary unkt zugleich im Gespräch mit der FAZ, Deutschland sei dabei, ein Lufthansa-Monopol zu installieren und damit einen "historischen Fehler" zu begehen: "Lufthansa ist schon ein Champion mit 70 Marktanteil in Deutschland, mit Airberlin würden es 95 Prozent sein. Das wäre ein Monster und kein Champion."

Christian Schmicke